News
Startseite / Krankheiten / Atypische Weidemyopathie – Plötzlicher Tod auf der Weide

Atypische Weidemyopathie – Plötzlicher Tod auf der Weide

Plötzlich tote Pferde auf der Weide in den späten Herbst- und Wintermonaten. Lange war nicht geklärt, wodurch die Pferde verendet sind. Doch nach umfangreichen Forschungen gab es endlich die Gewissheit: Atypische Weidemyopathie – Giftstoffe in den Samen der Ahornbäume lösen eine tödliche Muskelerkrankung bei den betroffenen Pferden aus.

Die atypische Weidemyopathie wird auch atypische Weidemyoglobinurie genannt und ist eine Muskelerkrankung, welche die Skelett- und Herzmuskelzellen des Pferdes angreift und zerstört. Am häufigsten tritt sie während starken Temperatureinbrüchen zwischen Oktober und Januar auf.

Die Ursachen für Atypische Weidemyopathie

Lange war nicht geklärt, was für den Zerfall der Muskelzellen verantwortlich ist. Erst nach langen Forschungen von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt konnte die Krankheitsursache und deren Verlauf aufgeschlüsselt werden.
Der Verursacher der Atypischen Weidemyopathie ist die giftige Aminosäure Hypoglycin A (HGA), welche im Samen des Bergahorns vorkommt. Diese Ahornart ist die am häufigsten vertretene in Mitteleuropa.

Bei allen erkrankten Pferden in Europa und den USA konnte das giftige MCPA-Carnitin, welches bei der Verstoffwechselung von Hypoglycin A entsteht, in Blut- und Urinproben festgestellt werden. Man vermutete schon länger, dass Ahorn am Ausbruch von Atypischer Weidemyopathie beteiligt ist. In den Niederlanden und Belgien standen Bergahornbäume in unmittelbarer Nähe aller Weiden, auf denen Pferde erkrankt waren. Oft waren die Bergahornblätter mit einem Pilz namens Rhytisma acerinum befallen, welcher die Teerfleckenkrankheit der Blätter auslöst und aussieht als würde das ganze Blatt mit Tropfen schwarzer Tinte befleckt worden sein. Man vermutet, dass ein Pilzbefall der Blätter ein zusätzlicher Faktor für den Ausbruch der Atypischen Weidemyopathie darstellt.

Der Pferdegesundheitsdienst (PGD) der sächsischen Tierseuchenkasse untersuchte acht Weiden in Ostdeutschland, auf denen im Jahr 2009 mehrere Pferde erkrankten. Auf sieben der Weideflächen wurden Ahornblätter mit Teerfleckenkrankheit gefunden. Damit konnte ein Zusammenhang zwischen der Weidemyopathie und dem giftigen, im Ahornsamen vorhandenen, Hypoglycin A nachgewiesen werden.
Doch die Erforschung der Krankheit steht noch ganz am Anfang. Zurzeit versuchen Wissenschaftler herauszufinden ob auch andere Ahornarten wie der Feld- oder Spitzahorn eine Weidemyopathie auslösen können. Außerdem ist noch nicht klar, ob der Ahornsamen der alleinige Auslöser der Krankheit ist, oder noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Denn nicht alle Tiere in einer Herde auf einer Weide mit Ahornsamen erkranken, auch wenn alle mit dem Gift in Kontakt gekommen sind.

Der erste Fall von atypischer Weidemyopathie wurde 1939 in England gemeldet. In Deutschland wurden erst im Winter 1995 Erkrankungen gemeldet. Seit diesem Jahr erkranken in Deutschland jedes Jahr Pferde an der tückischen Krankheit, wobei die Fälle vor allen in Norddeutschland auftreten. Im Jahr 2011/2012 wurden weltweit 193 Fälle gemeldet. Davon allein in Deutschland 57 Pferde. Die steigenden Zahlen an gemeldeten Fällen ist darauf zurückzuführen, dass die Krankheit bekannter wird und auch mehr Tierärzte sicher und schneller die Diagnose Weidemyopathie stellen. Wie viele Pferde aber tatsächlich jedes Jahr erkranken, ist unklar, da viele Fälle nicht erkannt und/oder nicht gemeldet werden.

Symptome bei Atypischer Weidemyopathie

Die Symptome bei Atypischer Weidemyopathie sind sehr deutlich erkennbar. Dazu zählen:

– Erhöhte Körpertemperatur und Atemfrequenz
– Herzrasen (Tachykardie)
– Gesenkte Haltung von Kopf und Hals
– Verkrampfungen wegen den Schmerzen
– Probleme beim Urinieren (meist auch roter bis brauner Urin)
– Muskelschwäche bis hin zu steifem und schwankendem Gang
– Manche Pferde können gar nicht mehr stehen
– Probleme beim Schlucken (Pferde versuchen aber trotzdem zu Fressen)

Auch Symptome wie bei einer Kolik sind oft zu beobachten.

Wie kann man eine Atypische Weidemyopathie diagnostizieren?

Ob es sich um eine atypische Weidemyopathie handelt kann man mithilfe einer Laboruntersuchung feststellen. Im Blut eines erkrankten Pferdes lassen sich enorm hohe Werte des in den Muskeln enthaltenen Enzyms Creatinkinase (CK) nachweisen. Dieses wird besonders dann produziert, wenn Muskelzellen zerfallen, so wie es typisch für den Verlauf der Krankheit ist. Der Kalziumspiegel im Blut sinkt hingegen massiv ab.
Zusätzliche Urinproben zeigen einen hohen Anteil an Myoglobin. Der Urin ist dann dunkelrot bis braun verfärbt, da der Muskelfarbstoff beim Zerfall der Mukelzellen ausgeschieden wird.

Eine weitere Diagnostizierung kann mittels einer pathologischen Untersuchung des schon verendeten Pferdes stattfinden. Liegt eine atypische Weidemyopathie vor, finden sich geschwollene Muskelfasern, welche weißlich gefärbt sind. Zudem sind oft zersetztes Nierengewebe und zurückgebildete Herzmuskeln nachweisbar.

Verlauf der Krankheit

Nach Auftreten der ersten Symptome verschlechtert sich der Zustand des erkrankten Pferdes umgehend. 80 – 90 % der betroffenen Pferde sterben innerhalb weniger Stunden oder Tage. Die Todesursache ist meist Herzversagen oder Atemstillstand.

Aber es gibt auch Fälle, in denen die Pferde überleben. In Frankreich starben bei einem Ausbruch von Myopathie nur 40 % der erkrankten Pferde. Die anderen Pferde erholten sich aber nicht vollständig und litten ihr restliches Leben unter mehr oder weniger schweren Muskelschäden.

In nur wenigen Fällen berichteten Tierärzte von Pferden, die sich nach einer Myopathie komplett erholt haben. In diesen Fällen fand aber eine schnelle Behandlung direkt nach einer frühen Diagnose statt.

Risikofaktoren für Atypische Weidemyopathie

Es gibt vier Faktoren, die das Risiko einer atypischen Weidemyopathie erhöhen können.

Dazu zählen:

– Alter und Geschlecht des Pferdes
– Lage der Weide
– Witterung
– Region

In folgendem Absatz wird etwas näher auf die verschiedenen Risikofaktoren eingegangen.

Alter des Pferdes: Man hat festgestellt, dass Pferde unter drei Jahren häufiger erkranken als ältere Pferde. Außerdem sind Hengste und Wallache eher betroffen als Stuten.

Lage der Weide: Ist die Weide in unmittelbarer Nähe von Ahornbäumen ist ein mögliches Erkranken sehr wahrscheinlich. Die Samen der Bäume können bei günstigen Windverhältnissen sogar bis zu 100 Meter zurücklegen.

Witterung: Temperatureinbrüche mit zusätzlichem Frost, welcher über mehrere Tage anhält, ist als kritisch anzusehen. Vor allem zwischen Oktober und Januar häufen sich deshalb die Erkrankungen an atypischer Weidemyopathie.

Region: In Norddeutschland sind bisher mehr Fälle aufgetreten als in anderen Regionen Deutschlands.

Therapie bei Atypischer Weidemyopathie

Leider gibt es bisher keine erfolgreiche Behandlungsmethode. Man kann nur die akuten Symptome behandeln. Je früher die Diagnose gestellt und eine Therapie begonnen wird, umso höher sind die Chancen, dass das betroffene Pferd überlebt.
Ist die Diagnose sicher, sollte das erkrankte Pferd möglichst wenig bewegt werden, da sich das Gift durch den angekurbelten Stoffwechsel bei Bewegung noch schneller im Blut verteilt. Auch der Stress bei einem Transport verstärkt die Symptome. Deshalb ist es ratsam das Pferd im heimischen Stall behandeln zu lassen und es nicht in die Klinik zu fahren.

Die Therapie besteht aus einem Durchspülen der Nieren mithilfe von Infusionen und einem daraus resultierenden Ausgleichs des Elektrolythaushaltes. Damit kann man dem für die Krankheit typischen drohenden Kalziummangel entgegenwirken. Oft werden auch Präparate mit Selen und Vitamin E zugefüttert.
Zusätzliches Verabreichen von nichtsteroidalen Antiphlogistika lindert die akuten Schmerzen und hemmt die Entzündung in den Muskelzellen. Auch Kortison und Antibiotika können hilfreich sein. Durchblutungsfördernde Medikamente wie Acepromacin kurbeln den Stoffwechsel der Muskeln an und helfen schon zerfallene Zellen aus dem Körper des Pferdes zu befördern.

Vorbeugende Maßnahmen für Atypische Weidemyopathie

Befinden sich in der Nähe der Pferdeweiden Ahornbäume, sollten diese Grasflächen ab dem Spätherbst nicht mehr beweidet werden. Denn ab dann verlieren die Bäume die gefährlichen Samen. Dabei ist zu beachten, dass die Samen eine propellerartige Form haben und deshalb bis zu 100 Meter weit fliegen können. Somit können auch Weiden betroffen sein, neben denen nicht unmittelbar ein Ahornbaum steht.

Der Bergahorn hat rundere Blattspitzen als die anderen Ahornarten
Der Bergahorn hat rundere Blattspitzen als die anderen Ahornarten

Sind Weidengefährdet und gibt es keine andere Möglichkeit die Pferde unterzubringen, sollte man die Weiden absuchen. Hierbei ist Vorsicht geboten, da sich die Samen in tieferem Gras oft nur schwer finden lassen. Hilfe bei der Identifizierung von Bergahorn bietet dieser Artikel auf Wikipedia.
Werden Pferde auch in den Risikozeiten auf Weiden in der Nähe von Ahornbäumen gehalten sollten die Weiden noch hohes Gras führen oder die Pferde gegebenenfalls mit Heu zugefüttert werden, damit sie die eventuell herumliegenden Ahornsamen nicht fressen. Zusätzlich ist eine bedarfsgerechte Versorgung der Pferde mit den wichtigen Mineralstoffen wichtig. Aber auch wenn diese Umstände gegeben sind, sind die Pferde nicht vor der Erkrankung sicher.

Auch lesen

Die 10 hilfreichsten Tipps für Pferde mit Sommerekzem

Inhalte:1. Geschundene Sommerekzem – Stellen versorgen2. Weide, Paddock und Stall gründlich abäppeln3. Keine häufigen Futterumstellungen ...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.